Fachartikel

Bildungsmedien im KI Zeitalter

Sonja Rothländer über Wissensinfrastruktur für die Höhere Berufsbildung zwischen Wissensgesellschaft, Multioptionsdruck und Resonanz

Sonja Rothländer

Sonja Rothländer

Verlagsleiterin

Compendio Bildungsmedien

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Die Rede vom „Ende des Lehrmittels“ wirkt auf den ersten Blick plausibel: Informationen sind jederzeit verfügbar, Lernplattformen liefern kurze Inputs, und generative KI erzeugt Erklärungen, Aufgaben oder Zusammenfassungen in Sekunden. Doch diese Sicht verwechselt „Verfügbarkeit“ mit „Verlässlichkeit“ und „Auswahl“ mit „Bildung“. In der Wissensgesellschaft ist Wissen zwar eine zentrale Ressource, zugleich aber instabiler geworden: Es wächst, zirkuliert, wird umgedeutet, widerspricht sich je nach Kontext und verliert schnell an Aktualität. Und in Peter Gross’ Diagnose der Multioptionsgesellschaft wächst mit jeder neuen Möglichkeit nicht nur Freiheit, sondern auch Entscheidungsdruck: Was ist relevant, was gilt, was lohnt die begrenzte Zeit? Für die Höhere Berufsbildung ist das keine abstrakte Diagnose, sondern Alltag: Teilnehmende investieren Zeit neben Beruf und Familie, Bildungsanbieter stehen im Wettbewerb, Branchen und ODAs tragen Mitverantwortung für Standards, und Prüfungen verlangen nachvollziehbare Kompetenznachweise. Genau hier verschiebt sich die Rolle von Bildungsmedien. Sie sind weniger „Stoffträger“ als eine kuratierte, verantwortete Wissensinfrastruktur, die Orientierung stiftet, Anschlussfähigkeit sichert und Lernprozesse kohärent macht. 

Generative KI verändert vor allem die Ökonomie von Inhalten. Content wird billig, variantenreich, sprachlich anpassbar und scheinbar personalisiert. Das erhöht jedoch nicht automatisch die Bildungsqualität. Im Gegenteil: Je leichter Aussagen produziert werden können, desto wichtiger werden Kriterien der Geltung. In der Höheren Berufsbildung – ob in höheren Fachschulen, in Lehrgängen zu eidgenössischen Abschlüssen oder in modularisierten Vorbereitungsgängen – ist „Geltung“ eng an Prüfungsordnungen, Wegleitungen, Kompetenzprofile, berufliche Standards und Praxisanforderungen gebunden. KI kann hier unterstützen, etwa bei Übungsvarianten, bei sprachlicher Differenzierung oder beim Strukturieren von Lernroutinen. Sie kann aber auch Plausibilitäten erzeugen, die sich erst spät als Fehler zeigen, oder sie kann Inhalte in einer Weise vereinfachen, die in der Prüfung oder in der Berufspraxis nicht trägt. Verlässlichkeit entsteht deshalb nicht durch das Tool, sondern durch Redaktion, Fachreview, didaktische Prüfung, Versionierung und transparente Verantwortlichkeiten.

Omnimodale Bildung verschärft diese Herausforderung. Lernen verteilt sich in der Höheren Berufsbildung über Präsenz- oder Blended-Formate, Selbststudium, digitale Umgebungen, Transferaufgaben im Betrieb, Peer-Lernen in Kohorten, Coaching und zunehmend KI-gestützte Lernassistenz. Diese Vielfalt ist eine Stärke, produziert aber leicht Fragmentierung: viele Lernmomente, viele Quellen, wenige gemeinsame Bezugspunkte. Gleichzeitig ist die Heterogenität der Teilnehmenden hoch; Vorerfahrungen, Rollen im Betrieb und Zielsetzungen unterscheiden sich stark. In dieser Lage gewinnen Bildungsmedien eine neue Kernfunktion: Sie stellen Kohärenz her. Sie verbinden Lernziele, Lernaktivitäten und Leistungsnachweise, machen Erwartungen explizit, stabilisieren zentrale Begriffe und schaffen eine gemeinsame Referenz zwischen Teilnehmenden, Dozierenden, Bildungsanbietern und – indirekt, aber wirksam – den Akteuren rund um Branchenstandards, ODAs und Prüfungsgremien. In einer Multioptionsgesellschaft ist diese Kohärenz kein Rückschritt in Richtung Starrheit, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Wahlmöglichkeiten nicht in Beliebigkeit kippen und dass Selbststudium tatsächlich zu Kompetenzaufbau führt.

An dieser Stelle wird Hartmut Rosas Resonanzpädagogik zu einem hilfreichen Prüfstein. Rosa erinnert daran, dass Bildung nicht primär als Steigerung von Verfügbarkeit und Kontrolle gelingt, sondern als gelingende Weltbeziehung. Resonanz entsteht dort, wo die Sache „antwortet“: wenn ein Fall, ein Konzept, eine Norm oder ein Dilemma Teilnehmende betrifft und zur begründeten Stellungnahme zwingt. Gerade in der Höheren Berufsbildung ist dies zentral, weil es um professionelles Urteil, Verantwortung und Handlungssicherheit geht, nicht nur um Wissensreproduktion. Resonanz bleibt in Rosas Sinn unverfügbar; sie lässt sich nicht technisch garantieren. Aber sie lässt sich didaktisch wahrscheinlicher machen. Bildungsmedien tragen dazu bei, wenn sie nicht nur erklären, sondern produktive Widerständigkeit organisieren: wenn sie realistische Fälle mit Zielkonflikten bereitstellen, wenn sie Transferaufträge so formulieren, dass Teilnehmende im Betrieb beobachten, entscheiden, dokumentieren und reflektieren müssen, und wenn sie Begründungsanforderungen sichtbar machen, wie sie in mündlichen, schriftlichen oder praxisnahen Prüfungsformaten tatsächlich zählen. KI kann solche Lernwege begleiten, etwa durch Feedback auf Entwürfe oder durch zusätzliche Übungsanlässe; die Resonanz selbst entsteht aber in der ernsthaften Auseinandersetzung mit der Sache und ihren Konsequenzen.

Wenn wir diese Perspektiven zusammenführen, zeichnet sich die künftige Gestalt von Bildungsmedien ab: weg vom in sich geschlossenen, monolithischen Buch hin zu einem kuratierten, modularen und versionierten Wissenssystem, das Prüfungsanforderungen, Praxisbezug und Lernwirksamkeit verlässlich zusammenführt. Für uns als Lehrmittelverlag ist das Ausdruck unserer Mission: Wir verbinden didaktisches Handwerk mit Technologie und schaffen wirksame Lernlösungen für Menschen in persönlicher, beruflicher oder organisationaler Entwicklung. Unsere Bildungsmedien machen Bildungsziele auch im Selbststudium erreichbar; sie sind klar strukturiert, zugänglich und anschlussfähig. In der Höheren Berufsbildung heisst das konkret, dass Inhalte über Lernphasen hinweg tragen müssen, dass sie die Sprache der Praxis mit der Sprache von Kompetenzen und Prüfungsanforderungen verbinden und dass sie Aktualisierung sowie Korrektur nachvollziehbar machen, damit Vertrauen entstehen kann.

Automatisierung kann Training effizient machen, sie kann Feedback geben, Wiederholung unterstützen und Individualisierung erleichtern. Ein Lernmodell ersetzt sie aber nicht. Höhere Berufsbildung braucht eine verantwortete Wissensbasis, ein transparentes Kompetenzverständnis und eine Didaktik, die nicht nur Output optimiert, sondern Urteilskraft, Transferfähigkeit und professionelle Identität fördert. In Rosas Begriffen: Nicht die schnellste Antwort ist entscheidend, sondern die Qualität der Beziehung zur Sache.

Bildungsmedien verlieren im KI Zeitalter in der Höheren Berufsbildung nicht an Bedeutung. Sie werden zum zentralen Infrastrukturelement, das in der Wissens- und Multioptionsgesellschaft Orientierung gibt, in omnimodalen Settings Kohärenz schafft und Resonanz ermöglicht – statt Lernen auf Verfügbarkeit, Taktung und Content-Masse zu reduzieren.


Literaturhinweise

  • Gross, Peter: «Die Multioptionsgesellschaft», Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1994 (10. unveränderte Auflage 2005)
  • Rosa, Hartmut; Endres, Wolfgang: «Resonanzpädagogik», Beltz Verlagsgruppe, Weinheim 2016 (2. Auflage)

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