Fachartikel
Omnimodal studieren, voll berufstätig bleiben
Warum omnimodale Hochschulbildung heute notwendig ist
Arbeitsmärkte und Erwerbsbiografien verändern sich rasant. Gefragt sind anwendungsorientierte Kompetenzen, stetige Aus- und Weiterbildung und flexible Wege zu anerkannten Abschlüssen. Berufstätige Studierende arbeiten häufig 80 bis 100 Prozent, ihre Lernzeiten und Lernorte sind unregelmässig, und berufliche Spitzenbelastungen lassen sich kaum langfristig planen.
Gleichzeitig steigen die Erwartungen von Wirtschaft und Gesellschaft an die Durchlässigkeit des Hochschulbildungssystems: Studiengänge sollen berufsbegleitend studierbar, bedarfsgerecht und anschlussfähig sein. Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft – etwa economiesuisse – betonen die Bedeutung schneller, kompetenzorientierter Bildungswege und flexibler Studienmodelle.
Klassische Präsenzpflichten, starre Semesterendprüfungen und rigide Zeitfenster geraten in diesem Kontext an ihre Grenzen. Sie können Studienverzögerungen begünstigen, gefährden Abschlussquoten und belasten gerade jene Studierenden, die bereits stark in Beruf und Familie eingebunden sind.
Omnimodale Hochschulbildung antwortet auf diese Herausforderungen, indem sie mehrere gleichwertige Zugangswege zu einem Curriculum anbietet: Präsenzunterricht, synchrone Online-Teilnahme und asynchrones Lernen über Aufzeichnungen werden systematisch aufeinander abgestimmt. Entscheidend ist dabei nicht die Technik an sich, sondern ein konsistentes, qualitätsgesichertes Design, das Wahlfreiheit erlaubt, ohne den fachlichen Standard und die Prüfungsintegrität zu gefährden.
HyFlex+ als integriertes, qualitätsgesichertes Modell
Mit HyFlex+ setzt die Kalaidos Fachhochschule ab Mai 2026 ein solches omnimodales Studienmodell flächendeckend in Bachelor- und konsekutiven Masterprogrammen um. Aufbauend auf dem HyFlex-Modell nach Brian J. Beatty werden drei gleichwertige Lernwege miteinander verknüpft: Präsenzveranstaltungen vor Ort, Live-Streaming in Echtzeit und umfassende Unterrichtsaufzeichnungen zur zeit- und ortsunabhängigen Nutzung. Diese drei Wege werden in einzigartiger Weise durch die KI-gestützte Lern-App «Brian» ergänzt, die das zeit- und ortsunabhängige Selbststudium strukturiert unterstützt und vertieft.
Studierende können je nach beruflicher oder privater Situation zwischen diesen Lernwegen wechseln, ohne den curricularen Zusammenhang zu verlieren. Die Lern-App Brian ergänzt die synchronen Lehrveranstaltungen um ein systematisch strukturiertes Selbststudium, in dem Inhalte vertieft, Wissenslücken geschlossen und Lernfortschritte kontinuierlich überprüft werden. Dadurch liefert Brian einen nachweisbaren Beitrag zu verbesserten Lern- und Prüfungsergebnissen.
Kern von HyFlex+ ist ein konsequent studierendenzentriertes Design: Lernziele, Lernaktivitäten und Prüfungsformate werden so aufeinander abgestimmt, dass sie unabhängig vom gewählten Lernweg erreichbar bleiben. Dieses Constructive Alignment sichert Vergleichbarkeit und Validität. Omnimodalität bedeutet damit nicht Beliebigkeit, sondern eine klar gestaltete Wahlfreiheit innerhalb verbindlicher fachlicher Standards.
Das Assessmentmodell ist auf die Lebensrealität hochprozentig berufstätiger Studierender ausgerichtet. Anstelle weniger, stark verdichteter Semesterendprüfungen treten kürzere, häufigere Modulprüfungen, die digital und ortsunabhängig am eigenen Rechner absolviert werden können. Prüfungsfenster im Zweimonatsrhythmus erlauben es, individuelle Belastungsspitzen zu berücksichtigen, ohne das Studium zu unterbrechen. Interne Daten zeigen, dass modulare Prüfungszyklen die Bestehensraten erhöhen, den Prüfungsstress senken und die Lernprogression besser abbilden.
Brian ist eng mit dem Prüfungswesen verzahnt: Ein Teil der Prüfungsfragen basiert direkt auf dem in der Lern-App bearbeiteten Stoff. Konsequentes, regelmässiges Selbststudium wird damit messbar honoriert und zu einer zentralen Ressource des Studienerfolgs – ein wichtiges Signal in einem Umfeld, in dem neben fachlicher Exzellenz auch Ausdauer und Selbstorganisation gefordert sind.
Didaktische und organisationale Voraussetzungen
HyFlex+ verändert die Logik des Lehrens und Lernens an der Kalaidos FH. An die Stelle eines primär lehrveranstaltungszentrierten Verständnisses tritt eine integrierte Lernprozessgestaltung über mehrere Wege hinweg.
Didaktisch verlangt das Modell eine klare Strukturierung der Module: Die Lernziele werden in den Lehr-Lern-Plänen verbindlich festgehalten, und es wird definiert, welche Inhalte in synchronen Formaten und welche im Selbststudium mit Unterstützung von Brian erarbeitet werden. Alle so formulierten Lernziele sind prüfungsrelevant und werden in der Modulprüfung angemessen abgebildet.
Die Gesamtarbeitsbelastung pro ECTS bleibt unverändert. Durch die Einführung von Brian wird jedoch ein Teil der bisherigen Präsenz- und Live-Streaming-Anteile in ein strukturiert und gezielt unterstütztes Selbststudium verlagert. Der Workload wird damit nicht erhöht, sondern didaktisch neu verteilt – mit dem Effekt, dass die zeitliche Flexibilität weiter steigt und sich das Studium noch besser mit einer 80- bis 100-prozentigen Berufstätigkeit verbinden lässt.
Die Rolle der Lehrpersonen wandelt sich: Neben Fach- und Unterrichtsexpertise rückt die Gestaltung kohärenter Lernwege in den Vordergrund. Dozierende entwickeln sich zu Instructional Designers, die Lernprozesse planen, Daten aus Brian auswerten und darauf aufbauend gezielte Rückmeldungen geben. Die in Brian generierten Lernstands- und Nutzungsdaten fliessen in die Planung des synchronen Unterrichts ein und ermöglichen es, diesen in Echtzeit auf die Bedürfnisse der Studierenden auszurichten. Die Prüfungsergebnisse werden im Rahmen von Modulreviews systematisch analysiert und für die inhaltliche und didaktische Weiterentwicklung der Module genutzt, sodass nachfolgende Kohorten von optimierten Lehr-Lern-Arrangements profitieren. Ein zentrales Team unterstützt die Lehrpersonen, indem es die Brian-Kurse technisch aufsetzt und betreut, sodass sich diese auf die inhaltliche Gestaltung, das didaktische Design und die Abstimmung mit den Modulprüfungen konzentrieren können.
Damit HyFlex+ nicht zu einer schleichenden Verlagerung vom sozialen, synchronen Lernen hin zu reinem Konsum von Unterrichtsaufnahmen führt, werden Dozierende gezielt darin unterstützt, Präsenz- und Live-Streaming in Echtzeit sichtbar mehrwertig zu gestalten: durch Interaktion, Anwendung, Diskussion und kooperative Lernformen. Synchroner Unterricht soll nicht das wiederholen, was in Aufzeichnungen oder in Brian bereits verfügbar ist, sondern Lernprozesse vertiefen und soziale Kohäsion in den Studiengruppen stärken.
Organisatorisch erfolgt die Einführung stufenweise. Ab Mai 2026 werden Unterrichtsaufzeichnungen flächendeckend implementiert und in einer ersten Welle bis 2028 Brian in einem grossen Teil der Module integriert – prioritär dort, wo viele Studierende eingeschrieben sind, hoher Übungsbedarf besteht oder Nichtbestehensquoten auffallen. Ab 2028 folgt die Ausweitung auf die restlichen Module.
Begleitend werden Monitoring- und Evaluationsmechanismen aufgebaut, welche die Nutzung der verschiedenen Lernwege, die Erfolgsraten in den Modulprüfungen sowie die Zufriedenheit der Studierenden und Dozierenden erfassen. So wird HyFlex+ nicht nur eingeführt, sondern laufend evidenzbasiert weiterentwickelt.
Erwartete Wirkung für Studierende, Lehrpersonen und das Hochschulsystem
Für berufstätige Studierende schafft HyFlex+ eine neue Qualität der Vereinbarkeit von Studium, Beruf und Privatleben. Module werden in der Regel über zwei Monate hinweg studiert und anschliessend geprüft; die Prüfungen finden sechsmal pro Jahr statt und umfassen Erst- und Repetitionsprüfungen. Studierende können wählen, an welchem Termin sie welche Prüfung ablegen. Diese Wahlmöglichkeit reduziert Prüfungsstress deutlich und trägt nachweislich zu hoher Zufriedenheit bei. Gleichzeitig erfordert das Modell ein hohes Mass an Selbstverantwortung: Wer ausschliesslich auf asynchrone Formate setzt, riskiert, soziale und diskursive Lernchancen zu verschenken.
Für die Lehrpersonen bedeutet HyFlex+ einen deutlichen Professionalisierungsschub. Die Nutzung von Learning Analytics aus Brian ermöglicht es, Lernstände im laufenden Modul präziser zu erkennen, Förderung gezielter auszurichten und die Wirksamkeit des synchronen Unterrichts datenbasiert zu reflektieren. Prüfungsergebnisse und Studierendenfeedback fliessen in Modulreviews ein und dienen der fortlaufenden inhaltlichen und didaktischen Weiterentwicklung für nachfolgende Kohorten. Zugleich steigen die Anforderungen an Planung, Koordination und Feedback – Aufgaben, die zusätzliche zeitliche und institutionelle Ressourcen erfordern.
Institutionell positioniert HyFlex+ die Kalaidos FH als verantwortungsbewusste Innovatorin im Bereich anspruchsvoller berufsbegleitender Hochschulbildung. Die omnimodale Ausrichtung ermöglicht es, Studienangebote gezielt für jene weiterzuentwickeln, die parallel 80 bis 100 Prozent erwerbstätig sind und dennoch einen qualitativ hochwertigen, akkreditierten Studienabschluss anstreben.
Auf Systemebene leistet HyFlex+ einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Schweizer Hochschulraums. Durch die Kombination von omnimodaler Studienarchitektur, begleiteter Selbstlerninfrastruktur und modularisiertem Assessment werden neue Referenzpunkte für die Gestaltung berufsbegleitender Studiengänge gesetzt. Die Kalaidos FH versteht sich dabei als reflektierte Akteurin, die regulatorische Vorgaben – etwa zu Datenschutz, Prüfungswesen und Akkreditierung – ernst nimmt und gleichzeitig vorhandene Gestaltungsspielräume nutzt, um bedarfsgerechte, evidenzbasierte Lösungen zu erproben.
Kurzfristig stehen die flächendeckende Einführung von Unterrichtsaufzeichnungen, die Einführung von Brian in ausgewählten Modulen sowie die Optimierung der Lernwege mit begleitendem Monitoring im Vordergrund. Mittelfristig rücken die vollständige Integration von Brian in allen Modulen und die weitere Verfeinerung der Lernwege in den Fokus. Langfristig zielt die Kalaidos FH darauf, Standards für HyFlex-Hochschulbildung in der Schweiz zu setzen und die Erfahrungen aus der eigenen Praxis in den hochschulpolitischen Diskurs einzubringen.
HyFlex+ als Motor einer chancengerechten Hochschulbildung
HyFlex+ verbindet hohe Flexibilität mit verbindlichen Qualitätsstandards und reagiert damit auf die realen Lebens- und Arbeitsbedingungen berufstätiger Studierender, ohne den Anspruch an akademische Tiefe und Prüfungsintegrität zu senken. Durch die Kombination mehrerer gleichwertiger Lernwege, die systematische Unterstützung des Selbststudiums und ein auf berufliche Anforderungen abgestimmtes Assessmentdesign eröffnet HyFlex+ neue Formen der Teilhabe an Hochschulbildung und leistet einen wichtigen Beitrag zur Chancengleichheit in der Schweiz.
Hochschulbildung soll nicht ein Privileg jener bleiben, die sich entweder ein Vollzeitstudium ohne Erwerbstätigkeit oder ein klassisches berufsbegleitendes Studium mit auf maximal 50 Prozent reduzierter Berufstätigkeit an öffentlichen Institutionen leisten können. Zentral bleibt dabei, dass Wahlfreiheit stets in ein klar strukturiertes, didaktisch fundiertes Gesamtmodell eingebettet ist.
Die Kalaidos Fachhochschule versteht HyFlex+ als langfristiges Transformationsprojekt der Studienarchitektur und Lehr-Lern-Kultur. Die Wirkung des Modells wird laufend empirisch überprüft; Anpassungen erfolgen datenbasiert und im Dialog mit Studierenden, Dozierenden und externen Stakeholdern. So trägt HyFlex+ dazu bei, die berufsbegleitende Hochschulbildung in der Schweiz zukunftsfähig zu gestalten – für Menschen, die Beruf, Bildung und persönliche Verpflichtungen in anspruchsvollen Lebensphasen miteinander verbinden müssen.